26.8.07

Er hat SEIN Leben gelebt...

Er war nach außen nie das, was das klassische Film-Klischee oft vorgaukelt: Bester Freund, Kumpel, Vertrauter. Um so faszinierender die wenigen Augenblicke, in denen ich Vertrautheit ohne Worte gespürt habe. Einfach nur so: Mit einem Augen-Blick, einer Geste. Er war ein Mann der Gegensätze wie kein anderer, hat polarisiert und verbunden. Seine größte Schwäche und Stärke war es, sein Leben mit der ihm eigenen Art gelebt zu haben. Mit einer Besessenheit und Kraft, die auch oft von Irrtümern, Fehlverhalten und Schwäche geprägt waren. Und auch in dieser Beziehung entdecke ich Parallelen zu meinem eigenen Leben und Empfinden.

Er war ein Mann, der verletzt hat und sehr verletzlich war. Sein Wesen war spontan und oft mit dem Anschein von Unbedachtsein versehen. Ich bin mir sicher, er hat das auch gespürt, war aber meist unfähig, das sofort zu ändern oder Fehler einzugestehen. Sein Leben war geprägt von der Unbeugsamkeit seiner Ansichten, leise Töne gehörten nicht oder viel zu wenig zu seinem menschlichen Repertoire. Er hat in diesem Sinne ein Bild in mir geprägt, das ich nicht oder viel zu wenig in ein eigenes, besseres Bild umsetzen konnte. Er hat Schuld an vielen Narben auf meiner Seele. Eine Schuld, die ich ihm längst verziehen habe, aber nie vergessen kann.

Er war ein Mann, der mit seiner Lebenslust begeistert und mitgerissen hat und einer, der mit eben dieser Lust viel zerstört hat. Sein Lachen und seine braunen Augen haben fasziniert und mitunter auch Entsetzen und seelische Zerstörung ausgelöst. Sein Humor hatte oft eine so bezaubernde Art, wie im Gegensatz dazu sein Zorn niederschmetternd war. Er war ein weltoffener, kluger Mann. Es gehörte zu seinen charakterlichen Eigenheiten, dass er daraus nicht mehr gemacht hat, sondern immer nur im besten Sinne des Wortes ein Arbeiter geblieben ist. Ich meine, es war auch besser so.

Und er ist sich, wohl auch in dem Bewusstsein eigener Fehlbarkeit, aber auch Kraft, immer treu geblieben. Ich bin mir sicher, er hat mit seinem Schwächen und Fehlern gehadert, wohl wissend, dass er nicht anders konnte als so zu handeln, wie er es nun einmal getan hat.

Geblieben ist die Erinnerung an einer starken, schwachen Mann, der in und mit seinen Gegensätzen lebte. Im Alter hat er eine ganz besondere Art Weisheit und innere Zuwendung praktiziert. Späte Wiedergutmachung, oder Einsicht? Egal, es gehört zu ihm wie über 80 Jahre wechselvolles, bewegtes Leben. Er hat SEIN Leben gelebt. Ich werde in seinem Sinne weiterleben: Seine Schwächen respektierend, seine Fehler beachtend, seine Leistungen ehrend und die liebevollen Seiten seines Wesens bewahrend.

Mein Vater, Heinz Ragwitz, ist am 20. August 2007 gegen 21.45 Uhr verstorben.

9.8.07

Mut zur Brücke: Von Hufeisen und anderen Nasen

Wer einmal herzhaft lachen will, muss den Sachsen nicht nur auf's Maul schauen, sondern einfach mal nach Dresden fahren und sich in Sachen Brückenbau schlau machen. Nur, dass keine Missverständnisse aufkommen: Die sächsische Mundart ist das kleinere Übel in der Metropole an der Elbe und hat durchaus ihre Berechtigung und ihren Charme. Und nicht zu vergessen, erst aus dem Sächsischen stammt schließlich die "wahre deutsche Sprache". Aber das hier auszubreiten, führte zu weit.

Von Brückenbau haben die Sachsen aber offensichtlich wenig Ahnung. In welcher Richtung man darüber auch polemisieren möchte. Die sächsische Provinzposse um die geplante Elbschlösschenbrücke in Dresden jedenfalls lässt mittlerweile ganz Deutschland lachen. Erst erhitzten sich die Gemüter um das Was und Wie einer Elbquerung. Dann stritten sie um Sinn und Form einer derselben, weil die UNESCO ein Auge darauf geworfen und die Form verworfen hatte. Also musste die Demokratie und ein Bürgerentscheid her. Bei dem haben sich die Dresdner offensichtlich pro Brücke entschieden, was den Freistaat offensichtlich freute, der den Bau durchsetzen will. Dann aber ging der Streit in den Gerichtssälen weiter. Ergebnis: Die Brücke muss gebaut werden. Ist ja auch irgendwie logisch. Baubeginn sollte Mitte August sein.

Abseits aller Diskussion über Sinn und Unsinn der Form einer Brücke über die Elbe haben einige pfiffigen Sachsen nun in allerletzter Minute noch einen (vorläufigen) Rettungsanker für den Stopp der Brücke gefunden. Herhalten musste dafür die kleine Hufeisennase. Nein, das ist kein besoffener Sachse, sondern eine seltene Fledermausart. Zu deren Schutz darf, so die Dresdner Verwaltungsrichter, "de Brügge" erst einmal nicht gebaut werden.

Wetten, dass die trotzdem kommt?! Egal, ob mit oder ohne Bogen und in welcher Form auch immer. Außerdem wird es sein wie immer: Die Zeche wird er Steuerzahler begleichen. Auf die paar Millionen Euro Prozesskosten kommt es doch wohl in deutschen Landen nicht an. Die Liste der prominenten Beispiele von Dresden bis Schwerin (vergleichbares Beispiel: A 14) ist lang. Ich würde jetzt zur Sicherheit noch dafür plädieren, den Bürgerentscheid einmal unter die Lupe zu nehmen und festzustellen, wie viel daran beteiligte Bürger tatsächlich aus Dresden stammen und nicht aus Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Aber die würde ich eher zu den Brückengegnern zählen. Trotzdem könnte man damit vielleicht sogar den souveränen Bürgerentscheid noch noch ad absurdum führen. Das wäre eine Gaudi ganz nach sächsischer Art. Ist aber auch nicht richtig, denn das Wort Gaudi kommt aus ganz anderen Landen...

Fazit: Die Sachsen an der Elbe bei Dresden werden noch manchen Strauß ausfechten, um Tintorettos Blick auf Dresden zu bewahren. Ich befürchte nur, sie kneifen sich damit, Verzeihung, selbst in den "Arsch" und verschlafen im einstigen "Tal der Ahnungslosen" den Zug der Zeit. Wenn dann mal wieder einer vom Schlage Friedrich August III. kommt und meint: "Macht doch eiern Dregg alleene", müssen sie sich nicht wundern und können wegen Staus am "Blauen Wunder" über die Elbe schwimmen um auszuwandern. Muss ja kein König sein, der das sagt. Aber die heißen heute bekanntlich Investoren...

5.8.07

Bleibe im Land und nähre dich redlich

Ich denke heute noch oft daran, dass ich in meiner Kindheit und Jugend Tage oft und gern bei meinen Großeltern war. Meine Großmutter Martha war eine lebensfrohe und feinsinnige Frau, die mir den Blick für das literarisch-sinnliche schärfte. Mein Großvater Max Lukas war ein eher introvertierter Mann mit einer ganz besonderen Gabe für das Verstehen ohne viele Worte. So erinnere ich mich, dass meine Großmutter beim Kochen besonders sorgfältig mit jedem Gramm "guter Butter" umging, wie sie das nannte. Ich glaube, das und andere Kleinigkeiten haben mein ausgeprägtes Gefühl für kulinarische Bodenständigkeit geprägt.

Ich erlebe heute oft ebenso Ungläubigkeit wie Unverständnis, wenn ich im Haushalt ziemlich streng darauf bedacht bin, dass möglichst alles aus der Region kommt, womit man(n) kocht und was auf den Tisch kommt. Ich meine, dafür gibt es gute Gründe. Man stärkt die (Land-) Wirtschaft einer Region und man entwickelt ein Gefühl von Heimat, das einem buchstäbliche auf der Zunge zergeht. Und es dient natürlich auch der Umwelt, wenn die Butter nicht erst aus Irland eingeflogen, die Schweine vom Saarland nach Mecklenburg oder die Hühner von eben dort nach Bayern gekarrt werden.

Mir schmeckt in diesem Sinne immer das vorzüglich, was eine Region im besten Sinne des Wortes zu bieten hat. Ich esse also etwa in Italien bevorzugt Pasta, in Österreich Knödel in tausend Variationen, in Ungarn feuriges Gulasch und in Masuren, wo ich besonders gern hinfahre, traditionelle ländlich-rustikale Küche und Nationalgerichte wie Bigos.

Auch die Frage nach dem Wie ist schnell beantwortet, wenn ich mir solche internationale Gerichte in der eigenen Küche zubereiten will. Dann kaufe ich beim Händler um die Ecke Teigwaren aus Waren ein, suche mir zielgerichtet Sahna zum Braten und Hansano-Butter zum Verfeinern aus, schaue darauf, wo der Schinken herkommt und überlege, ob ein trockener Wein von der Saale-Unstrut oder dem Lößnitzgrund besser zu meinem Wunschgericht passt.

Und die Kartoffeln stammen wie selbstverständlich von "Bur Hann", das Gemüse vom Wochenmarkt gleich vor der Haustür und das Fleisch von den Ludwigsluster Fleischwaren, die von den Landwirten der Region beliefert werden. Wenn es das an einer Stelle einmal nicht gibt, gönne ich mir den zeitlichen Luxus, es anderswo zu erweben. Selbst wenn die Klöße einmal besonders schnell gehen müssen, sind in Hagenow veredelte Kartoffelprodukte erste Wahl.

Was uns das alles sagt? Ganz einfach: Ich bleibe im Land und nähre mich redlich. Und anderswo denke ich eben, dass ich auch dort zumindest zeitlich begrenzt zu Hause bin...