Er hat SEIN Leben gelebt...
Er war nach außen nie das, was das klassische Film-Klischee oft vorgaukelt: Bester Freund, Kumpel, Vertrauter. Um so faszinierender die wenigen Augenblicke, in denen ich Vertrautheit ohne Worte gespürt habe. Einfach nur so: Mit einem Augen-Blick, einer Geste. Er war ein Mann der Gegensätze wie kein anderer, hat polarisiert und verbunden. Seine größte Schwäche und Stärke war es, sein Leben mit der ihm eigenen Art gelebt zu haben. Mit einer Besessenheit und Kraft, die auch oft von Irrtümern, Fehlverhalten und Schwäche geprägt waren. Und auch in dieser Beziehung entdecke ich Parallelen zu meinem eigenen Leben und Empfinden.Er war ein Mann, der verletzt hat und sehr verletzlich war. Sein Wesen war spontan und oft mit dem Anschein von Unbedachtsein versehen. Ich bin mir sicher, er hat das auch gespürt, war aber meist unfähig, das sofort zu ändern oder Fehler einzugestehen. Sein Leben war geprägt von der Unbeugsamkeit seiner Ansichten, leise Töne gehörten nicht oder viel zu wenig zu seinem menschlichen Repertoire. Er hat in diesem Sinne ein Bild in mir geprägt, das ich nicht oder viel zu wenig in ein eigenes, besseres Bild umsetzen konnte. Er hat Schuld an vielen Narben auf meiner Seele. Eine Schuld, die ich ihm längst verziehen habe, aber nie vergessen kann.
Er war ein Mann, der mit seiner Lebenslust begeistert und mitgerissen hat und einer, der mit eben dieser Lust viel zerstört hat. Sein Lachen und seine braunen Augen haben fasziniert und mitunter auch Entsetzen und seelische Zerstörung ausgelöst. Sein Humor hatte oft eine so bezaubernde Art, wie im Gegensatz dazu sein Zorn niederschmetternd war. Er war ein weltoffener, kluger Mann. Es gehörte zu seinen charakterlichen Eigenheiten, dass er daraus nicht mehr gemacht hat, sondern immer nur im besten Sinne des Wortes ein Arbeiter geblieben ist. Ich meine, es war auch besser so.
Und er ist sich, wohl auch in dem Bewusstsein eigener Fehlbarkeit, aber auch Kraft, immer treu geblieben. Ich bin mir sicher, er hat mit seinem Schwächen und Fehlern gehadert, wohl wissend, dass er nicht anders konnte als so zu handeln, wie er es nun einmal getan hat.
Geblieben ist die Erinnerung an einer starken, schwachen Mann, der in und mit seinen Gegensätzen lebte. Im Alter hat er eine ganz besondere Art Weisheit und innere Zuwendung praktiziert. Späte Wiedergutmachung, oder Einsicht? Egal, es gehört zu ihm wie über 80 Jahre wechselvolles, bewegtes Leben. Er hat SEIN Leben gelebt. Ich werde in seinem Sinne weiterleben: Seine Schwächen respektierend, seine Fehler beachtend, seine Leistungen ehrend und die liebevollen Seiten seines Wesens bewahrend.
Mein Vater, Heinz Ragwitz, ist am 20. August 2007 gegen 21.45 Uhr verstorben.


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