29.7.07

Erst das Auge schafft die Welt

Zugegeben - die Überschrift stammt nicht von mir, sondern von Christian Morgenstern. Wie viel Wahrheit in diesen Satz versenkt ist, erlebe ich auch heute immer wieder in großer Vielfalt. Augen waren es, die mich zu allen Zeiten fasziniert, Sehnsüchte in mir geweckt, Ängste geschürt und mich Glück spüren lassen haben Es gibt Augen, die habe ich noch nach Jahrzehnten so eindrucksvoll im Gedächtnis, dass ich sie zeichnen könnte, wenn ich es könnte... An Augen musste ich in diesen Tagen wieder denken, als ich die Nachricht vom Tod von Ulrich Mühe las. Dessen frühere Frau, Jenny Gröllmann, war eine mit solchen Augen, in denen man die Welt, sich selbst und Glück sehen konnte. Das hat neben vielen anderen großen und kleinen Nebensächlichkeiten offensichtlich auch bei Mühe seine Wirkung nicht gefehlt. Dass ihr Glück nicht gehalten hat, ist nicht die Ausnahme auf dieser Welt. Aber es ist immerhin mit einem Kapitel deutscher Geschichte verbunden, über das man noch lange streiten wird. Wie es auch immer um die Realitäten der angeblichen Stasi-Verstrickung seiner ehemaligen Frau bestellt war, die Gröllmann stets vehement bestritten hat: Es ist in meinen Augen eine gewisse Tragik, dass Mühe nicht die Größe gehabt hat, diese Auseinandersetzungen aus der Öffentlichkeit fern zu halten. Der sonst so tiefsinnige und feinfühlige Mann und begnadete Schauspieler offenbart in diesem Zusammenhang menschliche Schwäche, die man sicherlich nicht unbedingt verurteilen muss. Aber hätten nicht Blicke in die Augen der Gröllmann vielleicht viel mehr Wahrheit erkennen lassen, als es tausend Meter Stasi-Akten aussagen? Ich jedenfalls vertraue dem offenen Auge mehr als einem Blatt Papier. Vielleicht hat Mühe in seinen letzten Stunden ähnlich gedacht...