Peinlichkeiten oder späte Einsichten?
In der Allgemeinen Zeitung Bad Kreuznach liefert Ex-Politbüromitglied Günter Schabowski einmal mehr seine Erkenntnisse über das Medienverständnis in der DDR. Das Blatt zitiert den Mann, der sich selbst als "DDR-Fossil" bezeichnet: "Nicht was ist, sondern was zu sein hat, bestimmte den Inhalt der Zeitungen."
Der Vortrag Schabowskis bei einem Symposium über "Die Westlinke und die DDR" an der Mainzer Universität soll immerhin launig gewesen sein. Das westliche Verständnis von Journalismus, so der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung Neues Deutschland, beruht nicht zuletzt auf der Akzeptanz seiner destabilisierenden Wirkung, so Schabowski. Als vierte Gewalt im Staat seien dei Medien darauf ausgerichtet, politische Verhältnisse kritisch zu beleuchten. Keine Frage also, dass das im Sozialismus ganz anders ausgesehen habe. Denn dort sollte Journalismus den Staatsapparat stabilisieren. Die Medien waren seiner Meinung nach das schärfste Lenkwaffensystem der SED. Der journalistische Nachwuchs wurde nach Parteilinientreue ausgesucht und an der journalistischen Fakultät der Uni Leipzig, dem so genannten "Roten Kloster" geklont. Heraus kamen Parteiredakteure, also Kommunisten, die in Schrift, Wort und Bild die Parteilinie transportierten. Die Ideologie war das Absolute." Kategorien wie Freiheit, Offenheit und Objektivität hätten in der Berichterstattung keine Rolle gespielt. Schabowski: "Wenn im Westen das Fehlen dieser Kategorien bei uns moniert wurde, war das für uns kein Grund zur Peinlichkeit." Mehr noch, man habe den Blättern nicht geglaubt, lässt er eloquent verlauten.
Kommentar gefällig? Ich meine, der ist an dieser Stelle überflüssig. Der einstige mediale Oberscharfmacher der SED soll seine Erkenntnisse und Peinlichkeiten für sich behalten. Die Darstellung der DDR-Medientätigkeit ist weit mehr und tiefgründiger als dieses plakative, peinlich genau auf (launige) Klischees ausgerichtetes Gesabbere eines Mannes, der mehr als einmal im Leben zu spät gekommen ist.
Das ist ein Beitrag, den ich für journalismus.compact geschrieben habe.

