Wann erreicht ein Interview den Leser?
Heute habe ich in unserer regionalen Tageszeitung ein Interview gelesen. Nein, nicht im Mantelteil, der ist im Allgemeinen recht gut, sondern im Lokalteil. Da wird ein Landespolitiker zu den Anforderungen und Chancen der geplanten Verwaltungsreform befragt. Nun ja, das Thema ist einigermaßen brisant und bewegt natürlich auch die Bürger, welche (Verwaltungs-) Wege sie zukünftig zu gehen haben. Oder eben nicht.
Das, was aber bei dem Interview heraus gekommen ist, hat mich richtig erschreckt. Zumal ich den Politiker und seine Sprache kenne. Ich mag nicht glauben, dass der in so einem formal-gestelztem Deutsch antworten würde. Mir kommt es vor, als seien die Fragen vorher schriftlich eingereicht worden und seine Wahlkreismitarbeiterin hat sie zeitungsreif beantwortet. Schließlich soll ja nichts Angreifbares in die Zeitung kommen. Denn die Landtagswahlen 2006 nahen/drohen.
Das Ganze hat für mich aber auch einen anderen Aspekt: wie sollte/darf man ein Interview gestalten? Im Handbuch für Journalisten (UVK Medien, 2. Auflage, 1997) schreibt Prof. Michael Haller sinngemäß, dass "das Interview auf möglichst unterhaltsame Art nicht nur Wissen und Meinung, sondern auch die Denkweise" von Personen in authentischer Form zur Darstellung bringen muss. Wenn man manche Interviews liest, fragt man sich aber, was entweder der Fragende oder der Befragte eigentlich damit sagen will. Und vor allem, wen das interessiert? Kein Wunder also, wenn solche Interviews meist nicht zu Ende gelesen werden.
Ich jedenfalls würde bei formalen Antworten, wie eingangs beschrieben, auf jeden Fall hinterfragen und das Interview damit spannender halten. Vor allem versuche ich in vergleichbaren Fällen immer, die Authenzität der Sprache bewahren. Man muss den auch im Schriftlichen Stil und Duktus einer Person erkennen. Sonst wirkt das Ganze formal und erreicht niemand wirklich.


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