O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen...

Das erste Mal bewusst habe ich das Buchenwald-Lied im Frühjahr 1980 gehört und erlebt. Vor dem monumentalen Glockenturm der KZ-Gedenkstätte auf dem Ettersberg bei Weimar erschienen forschen Schritts, in Reih und Glied, ehemalige Häftlinge des Lagers - ihr Lied singend. Dieser Gesang hat seinerzeit ein Gefühl in mir erzeugt, das meinen weiteren Weg geprägt hat. Dabei war mir Buchenwald gar nicht so neu. Ich hatte in den vergangenen Jahren schön gelegentlich für die damalige Nationale Mahn- und Gedenkstätte (NMG) geforscht, ein Praktikum im dortigen Archiv absolviert und auch eine Biografie über Richard Großkopf, dem Leiter der Spionageabwehr in der illegalen Häftslingsorganisation des KZ Buchenwald, geschrieben. Trotzdem war es besonders dieses Lied, das mich über all die Jahre begleitet und mich ab und an nach Buchenwald zurückgezogen hat.
Gestern war ich wieder auf dem Ettersberg. 65 Jahre nach der Selbstbefreiuung der Häftlinge aus der Knechtschaft der SS-Schergen und dem Einzug der Alliierten Truppen. Es herrschte "Buchenwald-Wetter", wie viele Anwesende meinten. Der Himmel war wolkenverhangen, der Blick vom Ettersberg nach Weimar war von leichtem Nebel getrübt, ab und an huschte Nieselregen über den ehemaligen Appellplatz. Ich habe am Treffen der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (LAG) teilgenommen und nach fast 20 Jahren gute Bekannte und Freunde aus meiner Weimarer Zeit wiedergesehen.
Klaus Trostorff, ehemaliger Direktor der NMG, war nicht dabei. Dem fast 90-Jährigen geht es offensichtlich gesundheitlich schlecht. Ottomar Rothmann aber, sein langjähriger Stellvertreter, ließ es sich trotz seines Alters nicht nehmen, den Feierlichkeiten beizuwohnen. Er hatte den gleichen, wachen Blick, den ich von ihm kannte. Er sei sich selbst treu geblieben, meinte mein Weimarer Freund Richard Häßler, und er habe durchaus auch einen Prozess des Umdenkens durchlaufen. Geblieben ist seine konsequente antifaschistische Grundhaltung, die nicht erst mit dem Schwur von Buchenwald im Jahr 1945 begann.
Ich habe, seit fünf Uhr auf den Beinen und im Auto, die lange Heimreise nach Mecklenburg mit vielen Eindrücken angetreten. Immer wieder war es dieses Lied, das mir nicht aus dem Sinn ging und das ich nahezu inbrünstig mitgesungen habe. In einer Strophe des Liedes heißt es: "...Denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut. Und im Herzen, im Herzen den Glauben..." Einen solchen unverrückbaren Lebenswillen hatte auch mein Vater. Der wäre heute 86 Jahre alt geworden. Ich würde viel dafür geben, noch einmal zehn Minuten mit ihm reden zu können. Denn eben das haben wir über 50 Jahre lang versäumt. Vielleicht würde ich dann auch über dieses Lied mit ihm reden. Ich bin mir sicher, er würde meine Hand nehmen und sagen: "Mach' weiter so, mein Jung..."





