12.4.10

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen...


Das erste Mal bewusst habe ich das Buchenwald-Lied im Frühjahr 1980 gehört und erlebt. Vor dem monumentalen Glockenturm der KZ-Gedenkstätte auf dem Ettersberg bei Weimar erschienen forschen Schritts, in Reih und Glied, ehemalige Häftlinge des Lagers - ihr Lied singend. Dieser Gesang hat seinerzeit ein Gefühl in mir erzeugt, das meinen weiteren Weg geprägt hat. Dabei war mir Buchenwald gar nicht so neu. Ich hatte in den vergangenen Jahren schön gelegentlich für die damalige Nationale Mahn- und Gedenkstätte (NMG) geforscht, ein Praktikum im dortigen Archiv absolviert und auch eine Biografie über Richard Großkopf, dem Leiter der Spionageabwehr in der illegalen Häftslingsorganisation des KZ Buchenwald, geschrieben. Trotzdem war es besonders dieses Lied, das mich über all die Jahre begleitet und mich ab und an nach Buchenwald zurückgezogen hat.

Gestern war ich wieder auf dem Ettersberg. 65 Jahre nach der Selbstbefreiuung der Häftlinge aus der Knechtschaft der SS-Schergen und dem Einzug der Alliierten Truppen. Es herrschte "Buchenwald-Wetter", wie viele Anwesende meinten. Der Himmel war wolkenverhangen, der Blick vom Ettersberg nach Weimar war von leichtem Nebel getrübt, ab und an huschte Nieselregen über den ehemaligen Appellplatz. Ich habe am Treffen der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (LAG) teilgenommen und nach fast 20 Jahren gute Bekannte und Freunde aus meiner Weimarer Zeit wiedergesehen.

Klaus Trostorff, ehemaliger Direktor der NMG, war nicht dabei. Dem fast 90-Jährigen geht es offensichtlich gesundheitlich schlecht. Ottomar Rothmann aber, sein langjähriger Stellvertreter, ließ es sich trotz seines Alters nicht nehmen, den Feierlichkeiten beizuwohnen. Er hatte den gleichen, wachen Blick, den ich von ihm kannte. Er sei sich selbst treu geblieben, meinte mein Weimarer Freund Richard Häßler, und er habe durchaus auch einen Prozess des Umdenkens durchlaufen. Geblieben ist seine konsequente antifaschistische Grundhaltung, die nicht erst mit dem Schwur von Buchenwald im Jahr 1945 begann.

Ich habe, seit fünf Uhr auf den Beinen und im Auto, die lange Heimreise nach Mecklenburg mit vielen Eindrücken angetreten. Immer wieder war es dieses Lied, das mir nicht aus dem Sinn ging und das ich nahezu inbrünstig mitgesungen habe. In einer Strophe des Liedes heißt es: "...Denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut. Und im Herzen, im Herzen den Glauben..." Einen solchen unverrückbaren Lebenswillen hatte auch mein Vater. Der wäre heute 86 Jahre alt geworden. Ich würde viel dafür geben, noch einmal zehn Minuten mit ihm reden zu können. Denn eben das haben wir über 50 Jahre lang versäumt. Vielleicht würde ich dann auch über dieses Lied mit ihm reden. Ich bin mir sicher, er würde meine Hand nehmen und sagen: "Mach' weiter so, mein Jung..."

12.12.09

Vom Sinn der Einsamkeit

In der Internet-Community XING schrieb kürzlich ein Kontakt von mir: "Einsamkeit genießt sich am besten zu zweit...". So richtig habe ich darüber nicht gleich nachgedacht. Ganz aber hat mich dieser Spruch nicht losgelassen. Alleinsein oder Einsamkeit kenne ich nur zu gut. Es ist ein Gefühl, ein Lebensumstand, das/den man eigentlich nicht wahrhaben möchte. Was man dagegen tun kann, ist vielfältig: Sich über seine Lebensansprüche klar werden und Veränderungen herbeiführen, sich zurückziehen, sich aufzugeben... Letzteres jedenfalls kam und kommt für mich, unter den "normalen" Umständen des Leben nicht in Frage. Aber man(n) sucht durchaus auch in solchen Phasen eine Zweisamkeit. Freilich eine der besonderen, aber vielleicht gerade einfachen, Art. Mich hat es jetzt wieder zum Lesen gezogen. In meinen Kindheits- und Jugendjahren habe ich alles gelesen, was mir in die Hände kam. Ich habe jeden Groschen in Bücher investiert, die auch mein "Bild" geprägt haben. Von der Welt, vom Leben und von der Liebe. Ich habe die "alten Franzosen" ebenso gelesen wie die DDR-Gegenwartsliteratur, war (und bin) von Daniel Druskat ebenso beeindruckt, wie von der "Suche nach Gatt" und der "Zeit der Störche". Dann kam eine lange Zeit lesender Bedeutungslosigkeit, weil ich plötzlich keine Beziehung mehr zu den Themen hatte, die man heutzutage "in" nennt. Zeitungen und Internet wurden zum "literarischen Ersatz". Nun habe ich wieder zum Buch gefunden. Nicht ganz freiwillig, aber mit wachsender Begeisterung. Ich lese (wieder) Bücher, die mir nahe stehen, erfahre, wie Erwin Geschonneck seine unruhigen Jahre hatte, weiß nun, warum Inge Keller auf die Kraft ihrer Stimme vertraut, und warum Rolf Hoppe (dem Himmel sei Dank) kein "guter Faschist" geworden ist. Ich habe wieder Freude am Lesen... Das verdanke ich einer hoffentlich temporären Einsamkeit. Das Buch ist Partnerin geworden, die es auch bleiben soll. Nur eines fehlt mir: Ein Buch ersetzt weder glänzende Augen und eine warme Stimme noch die Herzlichkeit und Nähe, die das Leben und die Liebe ausmacht.

27.9.09

Über Fehler und andere Sünden

Der tägliche Blick ins Internet birgt tausend Überraschungen. Auf was für Ideen manche da kommen. Zum einen schüttelt man(n) verständnislos den Kopf. Zum anderen denkt man(n): Genial. Warum bin ich nicht auch darauf gekommen?

Was man dabei aber alles falsch machen kann, bedenken, bei allem Verständnis für eine Idee und die damit verbundene Euphorie, die wenigstens. Was auch erklärt, dass viele dieser Mini-StartUps, wie man es neudeutsch nennt, oft sehr schnell das Zeitliche segnen. Manchmal ein Segen, manchmal auch bedauerlich. Martin Sinner hat die 10 größten Fehler bei StarUp-Finanzierungen auf den Punkt gebracht. es lohnt sich, da einmal hineinzuschauen. Der Mann muss es schließlich wissen, ist er doch seit langer Zeit erfolgreich im Geschäft, z.B. mit seinem Internet-Portal Idealo.

Gerade in meiner Branche sprießen die internetten Ideen in besonderem Maße. Da hat einer eine Geschäftsidee, zimmert sich eine mehr oder weniger gefällige Website mit einem oft unsinnigem Domain-Namen (hoch leben die Anglizismen) und will (erst dann) Mitstreiter gewinnen. Die sucht er oft in Job-Börsen, die sich Professionalität auf die Fahnen geschrieben haben, aber eben diese vermissen lassen. Beispiele dafür nenne ich nicht. Wer meínen Blog kennt, weiß, wovon ich rede. Wer nicht, möge sich etwas Mühe machen...

Mehr noch: Wer soll Lust bekommen, an einem Internet-Projekt z.B. redaktionell teilzunehmen, wenn ihm nicht einmal die Namen der dort handelnden Personen offeriert werden, wenn das Impressum nach dem Schema "Max Mustermann" geschrieben ist und Fotos veröffentlicht werden, bei denen die Herkunft (Stichwort: Urheberrecht) zumindest im Unklaren gelassen wird? Wenn dann noch bei freundlichem Hinweis eine recht unfreundliche E-Mail zurück kommt, dann ist das Maß engültig voll. Hände weg, von solchen Angeboten. Macht euch lieber selbst Gedanken, wagt einen Blick ins Internet, einen in kluge Bücher und mindestens zwei ins Leben.

27.12.08

Es war ein gutes Jahr, oder: Sachsen, wie es trinkt und is(s)t...


Es war ein gutes Jahr. Privat und beruflich. Es war ein Jahr wie jedes Jahr. Es hatte Höhen und Tiefen. Vor allem war es ein Jahr der Erlebnisse und Erkenntnisse. Vieles davon waren Dinge, die sich einmal mehr bestätigten. Nämlich, sich selbst treu zu bleiben, zu seinen Fehlern zu stehen und mit ihnen umzugehen.

Zu meinen "Höhepunkten" des Jahres zählte kurz vor Weihnachten noch das Erscheinen (m)eines Bildbandes, den ich den Sachsen gewidmet habe. Sie wissen schon, das ist das kleine, zänkische Bergvolk, wie es im Rest der deutschen Lande genannt wird. Das Buch erzählt in Wort und Bild vom Essen & Trinken von der Oberlausitz über das Elbsandsteingebirge und das Ergebirge bis in Vogtland.

Und es erzählt auch von Land & Leuten. Von eben denen habe ich auf meiner Tour durch meine ehemalige Heimat viele kennengelernt. Dazu muss man wissen: Ich bin im Erzgebirge geboren und aufgewachsen, lebe jetzt in Mecklenburg - einem Land, dem meiner Liebe gehört und in dem sie wohnt.

Meine "Kulinarische Entdeckungsreise" führte mich in bisher nicht bekannte Winkel einer Region, die ich bisher wie meine Westentasche zu kennen glaubte. Weit gefehlt. Ich habe ein ganz neues Land Sachsen kennen und sehen gelernt. Vor allem die "handelnden Personen" haben mich fasziniert. Ich hatte Kontakt zu einer breit gefächerten Palette an Charakteren: Bodenständigen, Enthusiasten, Zugereisten, Freundlichen, Arroganten, Überheblichen, Liebenswerten, Träumern, Spinnern, Visionären - die Liste der Beschreibungen wäre in langer Folge fortzusetzen und auch in beliebiger Weise zu kombinieren.

Nicht alles, was in dem Buch steht, hätte ich ohne die zweifelsohne notwendigen Vorgaben (m)eines Verlags in eben dieser Weise geschrieben. Dazu bin ich viel zu sehr ein Individualist mit ganz eigener Sprache. Aber ich meine, es ist ein gutes Produkt entstanden, das den Sachsen alle Ehre macht. Denn sie sind nicht nur schlagfertig und verblüffend wortschöpferisch gewandt - sie sind im besten Sinne des Wortes ein Volk mit Kreativität und großem Engagement.

In diesem Sinne sage ich: "Danke, Sachsen..." Sage Dank vor allem meiner Büroleiterin in Sachsen, Regina Grau, die mit viel Gelassenheit, aber durchaus auch sächsisch-charmantem Temperament, meine Besessenheit für diese Projekt ertragen und erst möglich gemacht hat. Sage Dank denjenigen, die ich guter Erinnerung behalten und bei denen ich gern wieder einkehren werde. Sage Dank auch dem Verlag, der diesen Band ermöglichte, wenn auch nicht alle Blütenträume reifen ließ.

Wer schließlich erfahren möchte, wie Sachsen trinkt und is(s)t, der möge in diesen Bildband schauen und dieses Land "genießen". Ich lade Sie zu einer "Kulinarischen Entdeckungsreise" ein, die alle Sinne ansprechen und Sie in vielfältiger Weise "verführen" wird. Wer Interesse daran hat: Das hochwertige Buch hat 272 Seiten und ist reich bebildert. Eine E-Mail an mich genügt, und ich sorge dafür, dass Sie Post mit eben diesem Bildband erhalten. Und: Weitersagen ist natürlich erwünscht. Eine Reise nach Sachsen ebenso.

Ach so: Es ist versprochen, dass diese Entdeckungsreise nicht die einzige in den neuen Bundesländern bleiben wird. Ich plane zwischen Fichtelberg und Kap Arkona ähnliche Projekte mit erweitertem Konzept. Das sind doch gute Aussichten, oder?!

7.6.08

Deutschland, ein Sommermärchen...

Glaubt man den Gazetten aller Couleur, ist es wieder so weit: Deutschland steht ein Sommermärchen bevor. Soll auch heißen, die Jungs um Bundes-Jogi schicken sich an, den europäischen Fußball-Olymp zu erklimmen. Allerorts künden bereits fahnengeschmückte Autos von dem bevorstehenden Spektakel. Ab und an getraut sich sogar einer, schon vorab laut zu hupen oder wie üblich das Bum-Bum-Bum der dröhnenden Bässe in den bereits sommerlich warmen Spätfrühlingshimmel zu schmettern. Deutschland ist also im Aufbruch, und jeder soll es merken. Jubelt sich ja auch so schön und lenkt von eigentlich "niederen" Problemen des Landes ab. Was schert es des Volkes Seele, wenn statt der Bundeskanzlerin für ein paar Wochen einmal König Fußball regiert?! Immerhin: Die PR-Maschinerie rotiert und (fast) alles, was man sich für sein gutes Geld kaufen kann, dreht sich um das runde Leder. Schwarz-Rot-Gold hat Konjunktur, und alles ist bestrebt, diese Jogi-Manie auch in blanke Taler umzumünzen. Muss man ja auch. Schließlich haben Schweini, Poldi, Ballack und Co. sich monatelang im Schweiße ihres Angesichts auf die EM vorbereitet, um sich ihr kärgliches Vereins-Salär ein wenig aufzubessern. Vor allem hat sich natürlich auch unser aller Jogi Löw echt eine "Platte" gemacht, in welchem "Kleid" sie, pardon, natürlich er, zu den Spielen in den Alpenrepubliken "auflaufen" wird und welche O-Töne am besten dazu passen. Da gibt's kein Sparen: Man(n) ist schließlich wer.

Aber genug gemeckert: Freilich sollen die 23 tapferen Recken Deutschlands Ehre auf dem Spielfeld verteidigen und vor allem guten Fußball zeigen. Egal, wie weit sie kommen, es wird immer welche geben, die sich das eine oder andere schön reden. Politiker, Sportfunktionäre, Fußball-Experten und solche, die sich dafür halten - egal. Um auf das Sommermärchen zurückzukommen: Heine schrieb im "Wintermärchen" sinngemäß: "Die deutsche Gans, lieb Mütterlein, ist gut... jedoch die Franzosen, haben bessere Saucen...". Kann also auch gut angehen, dass die Italiener zur deutschen Fußball-Pizza die besseren Gewürze aufbieten, die Tschechen zur Kalbshax'n das bessere Fußball-Bier oder die Franzosen tatsächlich den besseren Fußball-Wein kredenzen. Deshalb wäre es doch immerhin ehrenhaft, wenn Deutschland im Spiel um Platz 3 und beim (Rück-) Stand von 0:2 noch einen fulminanten Ausgleich und im Elfmeterschießen einen respektablen 4. Platz belegt. Dann sind wir doch wer in Europa. Und das Sommermärchen endet in einem lange nicht endenden Sommerloch, über das es sich trefflich parlieren lässt. Was scheren einen da Hartz IV, Milchproteste oder gar das Tief der SPD?! Lachen bis die nächste Steuererhöhung kommt - das ist die Devise.

12.5.08

Von der Qual der Wahl

In den kommenden Tagen finden im Landkreis Ludwigslust wieder einmal Wahlen statt. Ein neuer Landrat und Bürgermeister von Städten sollen gewählt werden. Bleibt wie immer die Frage nach der "Qual der Wahl". Im Landkreis tritt ein engagierter und durchaus auch sympathischer SPD-Landrat gegen eine ambitionierte, aber letztlich unerfahrene und eher blasse CDU-Mitbewerberin an. Da fällt die Wahl eigentlich nicht schwer, wenn man auf Zukunftsfähigkeit setzt.
Anders ist es in den Städten. Da ringen bis zu fünf Bewerber aller politischen Couleur um die Gunst der Wählerschaft. Ich meine, diese Auswahl steht den Kommunen nicht schlecht zu Gesicht. Beweist es doch zumindest das Engagement dieser Bürger für ihre Stadt und den Willen, aktiv mitzugestalten. Eine ganz andere Sache ist dabei die Fähigkeit der einzelnen Bewerber, Kommnualpolitik auch tatsächlich gestalten zu können. Denn um Eitelkeiten zu befriedigen, ist eine solche Kandidatur wohl zu wichtig.
Solche Gedanken kommen einem schon auf, wenn sich eine Notarin im stolzen Alter von deutlich in den Ü50 (nichts gegen die so genannten Best Agers) erstmals um eine solche Position bewirbt. Nicht viel anders ist es bei solchen Amtsinhabern, die sich nur mit dem vermeintlichen Lorbeer wieder bewerben, nichts falsch gemacht zu haben. Kann man(n)/frau ja auch schlecht, wenn außer Repräsentationsauftritten nicht viel über die eigene Bühne gegangen ist. Kein Wunder, dass die Mitbewerber zu Recht sagen, dass man so lediglich verwaltet, aber nicht gestaltet.
Was also tun zur Wahl? Die "Regierung der fähigsten Köpfe" wird es wohl auf absehbare Zeit nicht geben. Weil: Jede Partei ist sich offensichtlich selbst die näheste. Bleibt also nichts anderes übrig, als seinem gesunden Menschenverstand zu vertrauen, oder die Partei seines Herzens zu wählen. Ich werde kommenden Sonntag nur ersteres tun, denn zu letzterem habe ich keine Gelegenheit. Was nicht heißt, dass die Kandidaten der Partei meines Herzens unbedingt die meiner Wahl sind. Trotzdem oder gerade deshalb freue ich mich schon auf die Bundestagswahl 2009. Dann gilt nämlich wieder: Geht wählen. Getraut euch ruhig. Sieht doch (vermutlich) keiner...

26.8.07

Er hat SEIN Leben gelebt...

Er war nach außen nie das, was das klassische Film-Klischee oft vorgaukelt: Bester Freund, Kumpel, Vertrauter. Um so faszinierender die wenigen Augenblicke, in denen ich Vertrautheit ohne Worte gespürt habe. Einfach nur so: Mit einem Augen-Blick, einer Geste. Er war ein Mann der Gegensätze wie kein anderer, hat polarisiert und verbunden. Seine größte Schwäche und Stärke war es, sein Leben mit der ihm eigenen Art gelebt zu haben. Mit einer Besessenheit und Kraft, die auch oft von Irrtümern, Fehlverhalten und Schwäche geprägt waren. Und auch in dieser Beziehung entdecke ich Parallelen zu meinem eigenen Leben und Empfinden.

Er war ein Mann, der verletzt hat und sehr verletzlich war. Sein Wesen war spontan und oft mit dem Anschein von Unbedachtsein versehen. Ich bin mir sicher, er hat das auch gespürt, war aber meist unfähig, das sofort zu ändern oder Fehler einzugestehen. Sein Leben war geprägt von der Unbeugsamkeit seiner Ansichten, leise Töne gehörten nicht oder viel zu wenig zu seinem menschlichen Repertoire. Er hat in diesem Sinne ein Bild in mir geprägt, das ich nicht oder viel zu wenig in ein eigenes, besseres Bild umsetzen konnte. Er hat Schuld an vielen Narben auf meiner Seele. Eine Schuld, die ich ihm längst verziehen habe, aber nie vergessen kann.

Er war ein Mann, der mit seiner Lebenslust begeistert und mitgerissen hat und einer, der mit eben dieser Lust viel zerstört hat. Sein Lachen und seine braunen Augen haben fasziniert und mitunter auch Entsetzen und seelische Zerstörung ausgelöst. Sein Humor hatte oft eine so bezaubernde Art, wie im Gegensatz dazu sein Zorn niederschmetternd war. Er war ein weltoffener, kluger Mann. Es gehörte zu seinen charakterlichen Eigenheiten, dass er daraus nicht mehr gemacht hat, sondern immer nur im besten Sinne des Wortes ein Arbeiter geblieben ist. Ich meine, es war auch besser so.

Und er ist sich, wohl auch in dem Bewusstsein eigener Fehlbarkeit, aber auch Kraft, immer treu geblieben. Ich bin mir sicher, er hat mit seinem Schwächen und Fehlern gehadert, wohl wissend, dass er nicht anders konnte als so zu handeln, wie er es nun einmal getan hat.

Geblieben ist die Erinnerung an einer starken, schwachen Mann, der in und mit seinen Gegensätzen lebte. Im Alter hat er eine ganz besondere Art Weisheit und innere Zuwendung praktiziert. Späte Wiedergutmachung, oder Einsicht? Egal, es gehört zu ihm wie über 80 Jahre wechselvolles, bewegtes Leben. Er hat SEIN Leben gelebt. Ich werde in seinem Sinne weiterleben: Seine Schwächen respektierend, seine Fehler beachtend, seine Leistungen ehrend und die liebevollen Seiten seines Wesens bewahrend.

Mein Vater, Heinz Ragwitz, ist am 20. August 2007 gegen 21.45 Uhr verstorben.

9.8.07

Mut zur Brücke: Von Hufeisen und anderen Nasen

Wer einmal herzhaft lachen will, muss den Sachsen nicht nur auf's Maul schauen, sondern einfach mal nach Dresden fahren und sich in Sachen Brückenbau schlau machen. Nur, dass keine Missverständnisse aufkommen: Die sächsische Mundart ist das kleinere Übel in der Metropole an der Elbe und hat durchaus ihre Berechtigung und ihren Charme. Und nicht zu vergessen, erst aus dem Sächsischen stammt schließlich die "wahre deutsche Sprache". Aber das hier auszubreiten, führte zu weit.

Von Brückenbau haben die Sachsen aber offensichtlich wenig Ahnung. In welcher Richtung man darüber auch polemisieren möchte. Die sächsische Provinzposse um die geplante Elbschlösschenbrücke in Dresden jedenfalls lässt mittlerweile ganz Deutschland lachen. Erst erhitzten sich die Gemüter um das Was und Wie einer Elbquerung. Dann stritten sie um Sinn und Form einer derselben, weil die UNESCO ein Auge darauf geworfen und die Form verworfen hatte. Also musste die Demokratie und ein Bürgerentscheid her. Bei dem haben sich die Dresdner offensichtlich pro Brücke entschieden, was den Freistaat offensichtlich freute, der den Bau durchsetzen will. Dann aber ging der Streit in den Gerichtssälen weiter. Ergebnis: Die Brücke muss gebaut werden. Ist ja auch irgendwie logisch. Baubeginn sollte Mitte August sein.

Abseits aller Diskussion über Sinn und Unsinn der Form einer Brücke über die Elbe haben einige pfiffigen Sachsen nun in allerletzter Minute noch einen (vorläufigen) Rettungsanker für den Stopp der Brücke gefunden. Herhalten musste dafür die kleine Hufeisennase. Nein, das ist kein besoffener Sachse, sondern eine seltene Fledermausart. Zu deren Schutz darf, so die Dresdner Verwaltungsrichter, "de Brügge" erst einmal nicht gebaut werden.

Wetten, dass die trotzdem kommt?! Egal, ob mit oder ohne Bogen und in welcher Form auch immer. Außerdem wird es sein wie immer: Die Zeche wird er Steuerzahler begleichen. Auf die paar Millionen Euro Prozesskosten kommt es doch wohl in deutschen Landen nicht an. Die Liste der prominenten Beispiele von Dresden bis Schwerin (vergleichbares Beispiel: A 14) ist lang. Ich würde jetzt zur Sicherheit noch dafür plädieren, den Bürgerentscheid einmal unter die Lupe zu nehmen und festzustellen, wie viel daran beteiligte Bürger tatsächlich aus Dresden stammen und nicht aus Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Aber die würde ich eher zu den Brückengegnern zählen. Trotzdem könnte man damit vielleicht sogar den souveränen Bürgerentscheid noch noch ad absurdum führen. Das wäre eine Gaudi ganz nach sächsischer Art. Ist aber auch nicht richtig, denn das Wort Gaudi kommt aus ganz anderen Landen...

Fazit: Die Sachsen an der Elbe bei Dresden werden noch manchen Strauß ausfechten, um Tintorettos Blick auf Dresden zu bewahren. Ich befürchte nur, sie kneifen sich damit, Verzeihung, selbst in den "Arsch" und verschlafen im einstigen "Tal der Ahnungslosen" den Zug der Zeit. Wenn dann mal wieder einer vom Schlage Friedrich August III. kommt und meint: "Macht doch eiern Dregg alleene", müssen sie sich nicht wundern und können wegen Staus am "Blauen Wunder" über die Elbe schwimmen um auszuwandern. Muss ja kein König sein, der das sagt. Aber die heißen heute bekanntlich Investoren...

5.8.07

Bleibe im Land und nähre dich redlich

Ich denke heute noch oft daran, dass ich in meiner Kindheit und Jugend Tage oft und gern bei meinen Großeltern war. Meine Großmutter Martha war eine lebensfrohe und feinsinnige Frau, die mir den Blick für das literarisch-sinnliche schärfte. Mein Großvater Max Lukas war ein eher introvertierter Mann mit einer ganz besonderen Gabe für das Verstehen ohne viele Worte. So erinnere ich mich, dass meine Großmutter beim Kochen besonders sorgfältig mit jedem Gramm "guter Butter" umging, wie sie das nannte. Ich glaube, das und andere Kleinigkeiten haben mein ausgeprägtes Gefühl für kulinarische Bodenständigkeit geprägt.

Ich erlebe heute oft ebenso Ungläubigkeit wie Unverständnis, wenn ich im Haushalt ziemlich streng darauf bedacht bin, dass möglichst alles aus der Region kommt, womit man(n) kocht und was auf den Tisch kommt. Ich meine, dafür gibt es gute Gründe. Man stärkt die (Land-) Wirtschaft einer Region und man entwickelt ein Gefühl von Heimat, das einem buchstäbliche auf der Zunge zergeht. Und es dient natürlich auch der Umwelt, wenn die Butter nicht erst aus Irland eingeflogen, die Schweine vom Saarland nach Mecklenburg oder die Hühner von eben dort nach Bayern gekarrt werden.

Mir schmeckt in diesem Sinne immer das vorzüglich, was eine Region im besten Sinne des Wortes zu bieten hat. Ich esse also etwa in Italien bevorzugt Pasta, in Österreich Knödel in tausend Variationen, in Ungarn feuriges Gulasch und in Masuren, wo ich besonders gern hinfahre, traditionelle ländlich-rustikale Küche und Nationalgerichte wie Bigos.

Auch die Frage nach dem Wie ist schnell beantwortet, wenn ich mir solche internationale Gerichte in der eigenen Küche zubereiten will. Dann kaufe ich beim Händler um die Ecke Teigwaren aus Waren ein, suche mir zielgerichtet Sahna zum Braten und Hansano-Butter zum Verfeinern aus, schaue darauf, wo der Schinken herkommt und überlege, ob ein trockener Wein von der Saale-Unstrut oder dem Lößnitzgrund besser zu meinem Wunschgericht passt.

Und die Kartoffeln stammen wie selbstverständlich von "Bur Hann", das Gemüse vom Wochenmarkt gleich vor der Haustür und das Fleisch von den Ludwigsluster Fleischwaren, die von den Landwirten der Region beliefert werden. Wenn es das an einer Stelle einmal nicht gibt, gönne ich mir den zeitlichen Luxus, es anderswo zu erweben. Selbst wenn die Klöße einmal besonders schnell gehen müssen, sind in Hagenow veredelte Kartoffelprodukte erste Wahl.

Was uns das alles sagt? Ganz einfach: Ich bleibe im Land und nähre mich redlich. Und anderswo denke ich eben, dass ich auch dort zumindest zeitlich begrenzt zu Hause bin...

29.7.07

Erst das Auge schafft die Welt

Zugegeben - die Überschrift stammt nicht von mir, sondern von Christian Morgenstern. Wie viel Wahrheit in diesen Satz versenkt ist, erlebe ich auch heute immer wieder in großer Vielfalt. Augen waren es, die mich zu allen Zeiten fasziniert, Sehnsüchte in mir geweckt, Ängste geschürt und mich Glück spüren lassen haben Es gibt Augen, die habe ich noch nach Jahrzehnten so eindrucksvoll im Gedächtnis, dass ich sie zeichnen könnte, wenn ich es könnte... An Augen musste ich in diesen Tagen wieder denken, als ich die Nachricht vom Tod von Ulrich Mühe las. Dessen frühere Frau, Jenny Gröllmann, war eine mit solchen Augen, in denen man die Welt, sich selbst und Glück sehen konnte. Das hat neben vielen anderen großen und kleinen Nebensächlichkeiten offensichtlich auch bei Mühe seine Wirkung nicht gefehlt. Dass ihr Glück nicht gehalten hat, ist nicht die Ausnahme auf dieser Welt. Aber es ist immerhin mit einem Kapitel deutscher Geschichte verbunden, über das man noch lange streiten wird. Wie es auch immer um die Realitäten der angeblichen Stasi-Verstrickung seiner ehemaligen Frau bestellt war, die Gröllmann stets vehement bestritten hat: Es ist in meinen Augen eine gewisse Tragik, dass Mühe nicht die Größe gehabt hat, diese Auseinandersetzungen aus der Öffentlichkeit fern zu halten. Der sonst so tiefsinnige und feinfühlige Mann und begnadete Schauspieler offenbart in diesem Zusammenhang menschliche Schwäche, die man sicherlich nicht unbedingt verurteilen muss. Aber hätten nicht Blicke in die Augen der Gröllmann vielleicht viel mehr Wahrheit erkennen lassen, als es tausend Meter Stasi-Akten aussagen? Ich jedenfalls vertraue dem offenen Auge mehr als einem Blatt Papier. Vielleicht hat Mühe in seinen letzten Stunden ähnlich gedacht...